Beiträge von Commodore-Freak

    Den Buddhismus sehe ich auch etwas gesondert. Ich hatte aufgrund meiner Arbeit früher mal viel Gelegenheit, mit Buddhisten zu sprechen. Ich erinnere mich nicht mehr gut genug um hier wirklich qualifizierte Aussagen zu machen, aber was ich noch weiß ist folgendes:
    Buddhismus darf man nicht verallgemeinern. Es gibt hunderte von Strömen, die sich in ihrer Interpretation und Ausübung des Buddhismus teilweise stark unterscheiden. Einige Strömungen sehen Buddha dabei als eine Art Gott an, sind ebenfalls metaphysisch wie die meisten anderen großen Religionen und versuchen durch den Buddhismus die Welt zu erklären.
    Die Buddhisten, die ich kennengelernt habe, haben im Buddhismus eher etwas rein spirituelles gesehen. Sie beten ganz bewusst nicht, um Gnade durch irgend eine Gottheit zu erfahren, sondern sie tun dies einfach des psychischen Effektes der Erleichterung wegen.
    Mich hat das alles sehr beeindruckt. Ich empfand es auch nicht als religiös, sondern als spirituell bis philosophisch.

    Ich glaube aber man sollte Abschließend für unsere Diskussion noch etwas feststellen: Ich leite den Begriff "Religion" von dem ab, was die großen Weltreligionen darstellen. "Religiös" bedeutet für mich im groben, dass jemand sich einer Religion zugehörig fühlt und sie in irgend einer Form praktiziert.
    Das heißt für mich ist und bleibt Religion etwas schlechtes, da es für mich zwingend mit einer metaphysischen Weltsicht zusammenhängt. Man muss um religiös zu sein für mich zwar nicht diese metaphysische Weltsicht teilen, aber das ändert nichts daran, dass die Religionen diese Weltsicht lehren. Daraus ergeben sich dann meine früheren Aussagen über Religion.

    Selbstverständlich gebe ich der Religion Schuld an fundamentalistischen Spinnern.
    Der Vergleich zum Alkohol hinkt auch total. Alkohol ist durchaus dazu gedacht, dass man ihn nur in gesunden Mengen konsumieren soll. Nirgendwo auf meiner Bierflasche steht "trinke bis zum umfallen!"
    Religionen an sich lehren aber durchaus, dass man an Gott und das Jenseits als gegeben annehmen soll. Nur manche Menschen sind in der Lage die Denkleistung zu erbringen, dass sie einige Komponenten der Religion kritisch hinterfragen.
    Fundamentalisten machen im Grunde nichts anderes als die Religion so zu leben, wie sie gedacht ist.
    Was du sagst ist im Grunde "Was kann die Kirche denn dafür, dass Leute alles glauben, was sie ihnen erzählt?"

    Ich behaupte, dass man Religion schon daran messen muss, dass es fundamentalistische Spinner hervorbringt.
    Es mag ja sein, dass nicht alle Leute, die einer Religion angehören, dumm genug sind die Bibel wörtlich zu lesen. Das liegt aber nicht an der Beschaffenheit der Religionen an sich, sondern daran, dass der Intellekt einzelner Mitglieder der Religion schlau genug ist, wichtige Punkte an der Religion herauszufiltern und somit nur positive aus der Religion zieht.
    Die Religion selbst allerdings lehrt in den meisten Fällen, dass es (mindestens) einen Gott gibt, ein Jenseits und/oder ähnliches. Sie bezieht ihre Legitimation Regeln aufzustellen durch etwas, das mit großer Wahrscheinlichkeit Humbug ist.
    Auch wenn es Leute gibt die über das Vermögen verfügen festzustellen, dass man aus religiösen Schriften lernen kann und sie zur Sinnbildung zu nutzen, ohne alles zu glauben, was darin steht, so regen die Religionen durch ihre Schriften dazu an, alles zu glauben, was die Religion lehrt.
    Und so entstehen dann beispielsweise Kreationisten, die verhindern, dass unsere Kinder eine vernünftige Bildung erhalten, so legitimieren Menschen ihren Schwulenhass, etc.
    Ich versuche das nochmal ganz kurz auf den Punkt zu bringen: Nicht alle Anhänger einer Religion sind fundamentalistische Spinner, aber die Religion selbst bildet fundamentalistische Spinner heraus. Der Grund, warum viele religiöse Menschen keine Fundamentalisten sind liegt nicht daran, dass die Religion aufklärt sondern einzig und allein daran, dass ihr eigener Verstand in der Lage ist zu erkennen, dass Teile der Religion einfach falsch und teilweise gefährlich sind.

    Zitat von Igor Todeshure


    Ok, dann folgt jetzt mal der Versuch einer Provokation: Religion ist die Philosophie des beschränkten Intellekts.
    Oder anders ausgedrückt: Religionen bzw. deren jeweils vermittelte Botschaft ist in ihrer Aussage so simpel gestrickt, daß jeder Depp sie übernehmen kann, ohne darüber nachdenken zu müssen.

    Das ist allerdings sehr gefährlich. Denn wenn Leute geneigt sind Dinge zu glauben, nur weil sie in ihren simpel gestrickten Dialekt passen, ohne den Wahrheitsgehalt irgendwie auf seine Wahrscheinlichkeit hin zu überprüfen kann man sie leicht ausnutzen.
    Auf genau diesem Prinzip basiert ja auch die Schwulenhetze der katholischen Kirche beispielsweise. Aus genau diesen Gründen kann die Kirche irgendwelchen potentiell Aidsgefährdeten in Afrika erzählen, dass Verhütung eine Sünde ist.
    Daher ist es für mich nicht wünschenswert, dass beschränkte Intellekte einfach diese simpel gestrickte "Philosophie der Religion" fressen, viel mehr sollte man ihnen beibringen, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.

    Man müsste jetzt diskutieren, ob es eine Religion geben kann, die ohne Götter, das Jenseits oder sonstige Metaphysik auskommt. Ich jedenfalls bezweifle, ob man so etwas noch unter den Begriff der Religion stellen könnte.
    Was ich aber kritisiere ist die Religion, wie sie sich in quasi allen gängigen Religionen manifestiert.

    Der einzige, der es sich hier einfach macht, bist doch du. Dass man die Bibel nicht wörtlich nimmt, wie es die meisten aufgeklärten Christen heute tun, heißt doch noch lange nicht, dass man an keine metaphyisischen Inhalte der Kirche glaubt.
    Unterhalte dich doch mal mit den aufgeklärten Leuten. Die sagen dir, dass sie zwar natürlich nicht glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat, aber dass sie trotzdem an Gott glauben.
    Selbst für Nicht-Orthodoxe ist Gott real genug um ihn anzubeten.

    Selbst wenn solche metaphysischen Dinge wie Gottesanbetung nicht notwendig sind, um religiöse Funktionen zu erfüllen, so kannst du aber kaum abstreiten, dass sie DEFAKTO ein wichtiger Bestandteil von Religion sind. Sie müssten es nicht sein, aber sie SIND es nun mal. Und genau da liegt doch auch die Kritik an Religion.
    Und würde man Dinge wie das Glauben an einen Gott weglassen, sondern die Religion auf die Frage nach einem tieferen Sinn beschränken, dann hast du eher so etwas wie Philosophie.
    Du kannst aus der Religionskritik nicht einfach Dinge wie Gottesglaube ausklammern, weil sie für die Ausübung einer Religion theoretisch nicht nötig wären - Sie sind vorhanden und man darf Religionen durchaus auf Grund solcher Sachen als schwachsinnig verurteilen.

    Ich glaube deine Definition von Religion ist einfach total absurd. Leute, die nicht an die Inhalte von Religion glauben, sind doch dem Wort nach nicht religiös.
    Nach deiner Definition, dass jeder, der religiöse Schriften liest und daraus irgendwelche Erkenntnisse zieht, religiös ist, wären selbst die meisten Atheisten und Agnostiker religiös, und das obwohl sie die meisten Komponenten (die nach wie vor - und da kannst du so lange das Gegenteil behaupten wie du willst - im Kern zur Religion dazu gehören) wie der Glaube an einen Gott, ein Jenseits oder andere metaphysische Dinge ablehnen. Diese Definition kann ich beim besten Willen nicht akzeptieren.

    Guck dir doch mal die USA an. Ich würde mal verallgemeinernd behaupten, dass Religiösität dort viel weiter verbreitet ist als bei uns. Haben die denn weniger gesellschaftliche Probleme als wir?
    Der Hauptunterschied ist eigentlich nur, dass die Menschen da nach dem schachern mit Menschenleben in die Beichte rennen.

    Religionen entstanden aus dem Wunsch heraus, sich die Welt näher erklären zu können. Ganz simple Dinge wie der Wechsel von Tag und Nacht waren ja unerforscht, und man suchte Antworten.
    Auf der Suche nach solchen Antworten haben sich dann die Religionen entwickelt, die die Wissbegierde der Menschen gestillt haben.
    Heute brauchen wir aber keine Religion mehr um unsere Welt zu verstehen. Die Wissenschaft kann zumindest die wichtigsten Gesetze erklären und hat die großen Religionen in der Vergangenheit schon oft falsifiziert.
    Der Grund, warum Religionen bis heute existieren, ist die extreme Machtausübung der Religion. Sie wird von Kind zu Kind weitergegeben, in der Schule gelehrt, überall stehen Gotteshäuser etc.
    Heute legitimiert sich Religion nicht mehr dadurch, dass sie für unser Zusammenleben oder unsere Weiterentwicklung notwendig ist, sondern nur dadurch, dass die großen Religionen weltlich gefestigt genug sind.

    Ich bezweifle ja nicht, dass es Leute gibt, die sinnvolle Erkenntnisse aus religiösen Schriften ziehen können. Sofern sie sich aber nur auf dieser analytischen Ebene mit der Religion befassen und nur die sinnvollen Erkenntnisse extrahieren, dabei allerdings nicht wirklich an die Existenz eines Gottes glauben, nicht zur Kirche gehen etc., dann sind sie nicht religiös. Jemand, der nicht an die Inhalte seiner Religion (und dazu gehört im Falle des Christentums beispielsweise ganz eindeutig die Existenz eines Gottes, nicht nur das lernen aus religiösen Schriften) glaubt und trotzdem in die Kirche geht und Gott huldigt, obwohl er nicht von dessen Existenz überzeugt ist, ist in meinen Augen einfach dumm.

    Zitat von miguel

    Die Frage ist, ob das Beeten und Lieder Singen zu dem gehört, was an Religion wesentlich ist. In vielen Religonen, wahrscheinlich auch solchen, die du anerkennen würdest, wird es nichtmal gemacht. Man kann es als Rest aus dunkler Vorzeit (die ich auch als unreligiös kritisert habe) ansehen, oder sagen, dass dies mehr ein Erlebnis von Gemeinschaft ist (offenbar sind gemeinsame Formeln, und Körperhaltungen auch in totalitären Systemen nicht unüblich). Wieso weiterhin Religion möglichst simpel denken? Die Beispiele sind eigentlich absurd simplifiziert

    Das Beten oder Lieder singen gehört vielleicht nicht zu dem, was wesentlich ist, aber es ist Ausdruck von etwas, das alle Religionen an sich haben: Anhänger der Religion glauben zu einem gewissen grad an eine meist unsinnige Metaphysik.
    Ich weiß ja nicht wie es dir geht, aber ich würde nicht aus Tradition einen Gott besingen und mich dabei als religiös bezeichnen, ohne an die Existenz eines Gottes zu glauben. Das wäre doch einfach absurd.

    Zitat von miguel

    Selbst wenn man sich auf Christentum, Islam usw. beschränken wollte; dann kann immernoch nur dann von der Erfüllung der religiösen Funktion gesprochen werden, wenn die zugrundeliegende Schrifttradition nicht als Metaphysik oder Tatsachenbericht angesehen wird. Das heißt kurzgesagt: die Konzeption, die ich entwickelt habe, kann durchaus auch das unter sich auffangen, auf das ihr euch beschränken wollt.

    Was soll Gott denn bitte sonst sein als Metaphysik? Gott ist ein Gedankenkonstrukt das vor tausenden von Jahren geschaffen wurde um Gegebenheiten in der Natur zu erklären und heute genutzt wird, um unserem Leben einen Sinn, eine Erfüllung zu geben.
    Damit wir aber aus einem Gott einen Sinn oder eine Erfüllung schöpfen können, müssen wir ihn zu einem bestimmten Grad ernst nehmen. Als Tatsache wird er vielleicht nicht mehr behandelt, er ist aber immer noch so real für religiöse Menschen, dass sie zu ihm beten. Die ganze Konzeption von Religion IST nun einmal im schlimmsten Falle deskriptiv (Fundi-Christen, Kreationisten etc.), im besten Falle aber immer noch metaphysisch, da ohne die Annahme einer zumindest metaphysischen Existenz Gottes beinahe alle Merkmale einer Religion wegfallen würden. Würde man Gott nicht als auf IRGEND EINER EBENE real ansehen, gäbe es keine Kirchen, keine Gottesdienste, keine Gebete, keine Religion.

    Zitat von miguel

    So fangt ihr mich aber nicht - denn ich habe mehrfach betont, dass Religion sich durchaus nicht auf Theismus oder jahrtausendealte Erzählungen berufen muss/sollte, und dass ich auf keinen Fall der Apologet des Christentums nun bin. Ich habe die Willkürlichkeit der Erzählung hervorgehoben, Beispiele für ganz andere als christliche und religiöse Überzeugungen gegeben, die man frei nach gusto vielleicht für in unserer Zeit passender halten kann. Religiös können ach ganz neue Überzeugungen oder Geschichten sein, die sich frei von Altlasten fühlen.

    Es geht hier aber nicht um "religiöse Überzeugungen" sonstiger Art, sondern recht konkret um Religionen wie das Christentum, Judentum, Buddhismus, Hinduismus etc.. Etwas, das nichts mit Theismus oder jahrtausenden alten Erzählungen zu tun hat ist zumindest meiner Definition nach keine Religion.

    Zitat von oreissig

    du kaust nach wie vor darauf rum, die religion nicht (mehr) als tatsachenbericht, sondern als reine metapher zu sehen. das mag ja so sein, aber warum muss man für 2. (dessen vorhandensein für viele menschen sehr wichtig ist) unbedingt auf die legacy von 1. aufbauen?
    wäre es nicht viel sinnvoller und vermutlich gewinnbringender, bei der suche nach sinnfindung from scratch zu starten und zu überlegen was ist, anstatt 2000 jahre alte und als offensichtlich falsch entlarvte tatsachenberichte als basis zu nehmen, um sich daraus irgendwas halbwegs zurecht zu biegen?

    Ack

    Religion hat nun einmal eine sehr starke, metaphysische Komponente, sie setzt sogar extrem stark darauf auf. Der Grund, warum man in die Kirche geht, ist es einen Gott zu ehren - daher heißt es auch "Gottesdienst". Christen glauben, dass sie nach dem irdischen Leben in einen Himmel kommen. Das ist pure Metaphysik. Natürlich gibt es auch eine sinngebende Komponente, aber diese leitet sich unmittelbar aus der Metaphysik ab. Sie würde sogar ohne die metaphysischen Komponenten in der Religion schlicht nicht mehr funktionieren. (Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tot kommt daher, dass es eine Geschichte gibt, in der Gottes Sohn den Tot besiegt hat)
    Ich würde auch der Aussage widersprechen, dass die Religion ihrer Struktur nach gänzlich anders als Wissenschaft ist. Der Hauptunterschied ist, dass Religion heutzutage bei Fragen zu Rate gezogen wird, bei denen die Wissenschaft noch keine Antwort gefunden hat. Der Struktur nach stellt Religion allerdings keine Fragen, die prinzipiell nicht durch Wissenschaft beantwortet werden können. In der Vergangenheit wurden religiöse Sichtweisen (Erde als Mittelpunkt des Universums) schon durch wissenschaftliche abgelöst, es gibt keinen Grund anzunehmen, warum die Wissenschaft nicht eines Tages Antworten auf Fragen wie "gibt es ein Leben nach dem Tot?" geben kann. Und auch zum jetzigen Zeitpunkt, wo die Wissenschaft solche Antworten noch nicht parat hat, kann man wissenschaftlich an solche Fragen heran gehen.
    Übrigens: Natürlich kann Rationalität mir sagen, warum ich möchte, dass Andere für mich da sind. Weil das für mein Überleben wichtig ist. Und ich möchte überleben, weil ich einen Überlebensinstinkt habe. Der wurde mir eingepflanzt, weil ich irgendwann mal als Lebewesen dazu beitragen sollte, das biologische Gleichgewicht auf der Erde zu halten.
    Natürlich kommt Rationalität irgendwann an einem Punkt an, an dem sie keine Antworten mehr geben kann. Sie kann einem nicht sagen, warum wir überhaupt existieren. Selbst an diesem Punkt kann sie aber eine alternative Herangehensweise zur Religion bieten.
    Die Religion beantwortet die Frage mit "weil Gott uns geschaffen hat", stellt also eine Behauptung auf, die darauf fußt, dass sie funktioniert und gut klingt. Rationales Denken sagt uns einfach "wir können es nicht wissen".
    Was ist nun erstrebenswerter - Uns einzugestehen, dass wir einige Fragen nicht beantworten können, oder irgendwelche Antworten glauben, für deren Wahrheitsgehalt nicht der geringste Hinweis existiert?

    Du hast nicht im geringsten verstanden was ich gesagt habe, oder?
    Du betonst immer wieder, dass Religion ja nichts rationales, nichts verbindliches an sich hat. Der Grund warum es das nicht hat ist doch schlichtweg, dass es ihm von der Wissenschaft genommen wurde.
    Dadurch, dass der deskriptive Teil durch Wissenschaft falsifiziert wurde, hat sich die Religion doch erst zu etwas irrationalem, unverbindlichen entwickelt.
    Ich behaupte allerdings weiterhin, dass Religion durch Rationalität abgelöst werden kann. Die Aussage die du triffst, dass Rationalität verbindlich ist und nur die Kategorien wahr/falsch kennt, ist unwahr oder zumindest unvollständig. Rationalität kann auch bedeuten, dass man die Antwort nicht kennt, sie kann auch Tendenzen zu wahr/falsch aussprechen.
    Religion trifft, laut deinen Ausführungen, keine verbindlichen Aussagen - die Existenz eines Gottes wird weder verbindlich bejaht noch verneint, in der modernen Religionsausübung glaubt man einfach an ihn.
    Ich verstehe nicht, warum Rationalität hier nicht greifen kann. Sie kann die Frage nach einem Gott zwar nicht absolut beantworten, sie kann sich dieser Frage aber zumindest nähern, indem sie sagt, dass es keinerlei wirkliche Hinweise auf die Existenz eines Gottes gibt.
    Aufgaben wie Sinnstiftung oder Daseinsbewältigung kann die Rationalität nicht lösen, das stimmt. Aber Religion doch noch weniger.
    Was Religion tut ist nichts weiter, als Antworten zu geben, die keinen Bezug zu irgend einer Realität haben. Diese Antworten funktionieren zwar, sie geben dem Leben tatsächlich einen Sinn, sie basieren aber alleine auf deskriptiven Aussagen der Vergangenheit, die als falsch entlarvt wurden. Daher ist anzunehmen, dass die Antworten falsch sind. Natürlich sind Dinge wie Hoffnung auf ein Leben auf den Tot irgendwie unverbindlich, und man kann keine wirklich verbindliche Aussage zu deren Wahrheitsgehalt treffen. Man kann aber mit rationalen Mitteln sehr wohl prüfen, ob diese unverbindlichen Aussagen wahrscheinlich sind oder nicht. Der Charakter der Religion mag es zwar erlauben, dass man trotz relativ großer Wahrscheinlichkeit, dass die komplette Lehre einer Religion falsch ist, weiter an sie glaubt, weil sie eben unverbindlich ist - sinnvoll kann das für Lebewesen wie uns, die rational denken, aber nicht sein, da es unserem Wesen widerspricht.
    Ich behaupte auch weiterhin, dass Rationalität hier ein Ersatz sein kann. Auch wenn sie Dinge wie einen globalen Sinn des Lebens nicht erklären kann, so kann sie doch bei der Daseinsbewältigung helfen. indem sie uns hilft selbst zu erkennen, wie man sinnvoll lebt. Durch rationales Denken können wir beispielsweise erkennen, dass es sinnvoll ist, für Mitmenschen da zu sein, da dies die Wahrscheinlichkeit steigert, dass sie selbst auch für einen da sein werden, wenn man sie benötigt.
    Somit gibt rationales Denken dem Leben durchaus einen Sinn, der dazu noch verbindlich ist. In seiner Verbindlichkeit ist der durch rationales Denken gefundene Sinn der Unverbindlichkeit einer Religion überlegen, noch dazu setzt sie nicht auf Lügen auf.
    Übrigens kann Rationalität bei Fragen wie "gibt es ein Leben nach dem Tot?" auch angewandt werden. Durch Wissenschaft lässt sich zumindest eine Tendenz dahingehend erkennen, dass es keines gibt. Religion hat natürlich ihren Reiz darin, dass sie die Unfähigkeit der Wissenschaft, solche Fragen mit Sicherheit zu beantworten, ausnutzt um unverbindliche Aussagen zu treffen, die dem Menschen potentiell gefallen. Deshalb funktioniert Religion schließlich nach wie vor. Die unverbindliche Tendenz, die die Wissenschaft zu dieser Frage feststellen kann, ist jedoch wesentlich fundierter als die unverbindliche Aussage, die die Religion trifft, da sie weder auf schlichten Lügen aufbaut noch darauf, dass wir Menschen gerne daran glauben würden, dass die Frage anders lautet als die Wissenschaft vermuten würde.
    Religionsglaube hilft durchaus bei Aufgaben wie Daseinsbewältigung und Sinnstiftung, so wie sie heute praktiziert wird ist sie auch nicht falsch. Im Grunde ist sie aber Wunschdenken, der Versuch, uns Dinge einzureden, auch wenn sie unwahrscheinlich sind. Für den irrationalen, dummen Menschen mag das ja durchaus funktionieren. (Achtung, funktionieren heißt nicht, dass es gut ist! Solche Menschen würden auch ein Weltbild fressen, das sie dazu bringt, böses zu tun, so lange es ihnen plausibel und wünschenswert erscheint, daran zu glauben) Der Mensch ist seinem Wesen nach aber in der Tendenz zumindest rational (nicht alles was wir tun ist in der Summe rational, aber alles was wir tun basiert auf rationalen Überlegungen), und jeder Mensch, der sich ein wenig seiner Fähigkeit rational zu denken bedient wird erkennen, dass er auf Religion nicht angewiesen und sie im Gegenteil die Unwahrheit fördert.

    Du sagst, dass es für deine Ausführungen egal ist, ob Religion ursprünglich ein Tatsachenbericht war oder nicht und stellst sogar in Frage, ob der "griechische Kleinbauer" religiös ist.
    Hier stellt sich sicherlich die Frage nach einer gültigen Definition von Religion. Beschreibt dieser Begriff das, was Religion heute ist, eine metaphysische Welterklärung, die auf einer Metaebene zum weltlichen steht, oder das ursprüngliche, ein versuch die Welt zu erklären?
    Da das Fundament auf dem Religionen aufgebaut sind immer noch das selbe ist wie zur Entstehungszeit der heute noch relevanten Religionen, sich inhaltlich also weniger geändert hat als in der Handhabe des Religionsinhalts, nehme ich an, dass sich auch der Religionsbegriff schlichtweg gewandelt hat. Damals war es für das Praktizieren von Religion, ergo für das religiös sein (obwohl ich mir nicht sicher bin ob ein solcher Begriff zur Zeit von griechischen Kleinbauern überhaupt schon existierte) charakteristisch, dass man die Existenz von Göttern als gegebene Tatsache betrachtete und daraus direkte weltliche Handlungen, die direkt bezogen auf diese Götter waren, ableitete. Opfergaben z.B. Heute geschieht das Praktizieren von Religion auf anderer Ebene, man gewinnt daraus Stärke, Gemeinschaftsgefühl, man leitet Ethik für sein Handeln im Alltag daraus ab.
    Aus heutiger Sicht wäre ein griechischer Kleinbauer demnach nicht religiös. Das Problem das ich aber habe ist, dass Religion heute zwar einen anderen Zweck erfüllt als damals (vorher: Welt erklären, heute: Sinngebung des Lebens, Bildung einer Gemeinschaft etc.), die Fundamente jedoch immer noch die selben sind.
    Damals wie heute lehrte man im Christentum beispielsweise Bescheidenheit. In der Bibel liest es sich so, dass die Menschen, die im irdischen Leben wenig haben, im Himmel reich sein werden. Oder so ähnlich. Damals wurde das sicher als feste Tatsache akzeptiert, man war sich tatsächlich sicher, dass es einen Himmel gab, in dem man reich sein würde.
    Heute sehen aufgeklärte Christen es nicht mehr als unumstößliche Tatsache an, dass sie mal in einem Jenseits landen werden, in dem sie Reich sein werden wenn sie bescheiden gelebt haben. Viel mehr wird diese Regel in der Bibel als Lebensweisheit oder ähnliches gelesen, die einem das richtige Handeln erleichtern soll.
    Die Zehn Gebote haben früher ihre Gültigkeit gehabt, weil sie von Gott diktiert wurden. Heute sind sie immer noch gültig, man sieht es aber nicht mehr als notwendig an sie zu befolgen, da man Angst vor einer Bestrafung durch Gott hat, man interpretiert sie einfach als sinnvollen Leitfaden für das Leben.
    Diesen Zweck, nämlich dem Menschen zu helfen moralisch zu handeln, erfüllt Religion zweifelsohne. Da gebe ich Miguel recht. Die Prämisse ist allerdings völlig veraltet und nicht mehr notwendig.
    Wenn Religion ihren moralischen Leitfaden also auf Basis von Tatsachen aufstellt, die längst als überholt gelten und deshalb kurzerhand zur Metapher umfunktioniert wurden, dann kann sie kaum optimal sein.
    Außerdem mag Religion in ihrer geistigen Funktion zwar funktionieren, die geistige Sinngebung ist bei den heutigen Religionen allerdings an eine menge weltliche Nachteile gekoppelt. Bei den Katholiken habe ich zwar einen moralischen Leitfaden, ich gehöre aber einer Vereinigung an, die z.B. die Aidsverseuchung in Afrika aktiv unterstützt.
    Wäre es daher nicht sinnvoller, sich seinen moralischen Leitfaden dort zu holen, wo keine weiteren Nachteile entstehen? Die Vernunft kann an vielen Stellen ähnliches leisten wie die Religion, muss zu ihrer ursprünglichen Legitimation nicht auf längst überholte Tatsachen zurückgreifen und zwingt einen nicht Mitglied in einer weltlichen Organisation zu sein, die nicht nur auf moralischer Ebene gutes tut, sondern auf weltlicher sehr viel böses.
    Natürlich ist Religion viel mehr als nur ein moralischer Leitfaden. Du redest öfters von einer Sinngebung.
    Das Christentum (wie viele andere Religionen) versucht z.B. den Sinn von Leben und sterben zu erklären. Wir leben, weil Gott uns geschaffen hat und wir sterben, weil Gott sich zu uns in den Himmel holt. Es bietet Erklärungen für Dinge, die Wissenschaft nicht erklären kann und spendet Trost.
    Das Problem das ich hier sehe ist aber, dass auch diese Erklärungen, die sich auf einer anderen Ebene als die Wissenschaft abspielen, ursprünglich mal als Tatsachen geplant waren und heute keinen erkennbaren Wahrheitsgehalt haben. Wenn der Priester mir heute sagt, dass mein verstorbener Opa jetzt bei Gott ist, dann tröstet es mich vielleicht. Wahrscheinlich ist es aber einfach eine Lüge.
    Wenn wir sagen, dass wir leben, weil Gott uns geschaffen hat, dann widerspricht das zwar direkt keiner wissenschaftlichen Erkenntnis, da es heute eher eine warum und nicht wie damals eine wie Frage beantwortet, wahr muss es aber trotzdem nicht sein. Der einzige Grund, aus dem wir annehmen, dass der Sinn, den uns Religion uns anbietet, tatsächlich der Sinn des Lebens ist, ist der, dass in einem falschen Tatsachenbericht steht, dass Gott uns erschaffen hat.
    Warum kann auf der sinngebenden Ebene nicht die Philosophie anstatt der Religion sein? Sie basiert immerhin nicht auf falschen Tatsachen. Zwar kann sie nicht sofort zufriedenstellende Antworten geben, sie hilft uns aber, selbst nach Antworten zu suchen.
    Und das ist doch viel sinnvoller als in einer hunderte von Jahre alten, eindeutig falschen (!) Schrift den Sinn des Lebens zu suchen.

    Ich glaube ich möchte nochmal bei einem anderen Punkt einhaken, den Miguel hier öfters wie selbstverständlich anspricht: Die Definition des "Religiösen".
    Du sagst hier mehrfach, dass Wissenschaft und Religion auf zwei vollkommen verschiedenen Ebenen arbeiten, Wissenschaft versucht, die Welt wie wir sie direkt sehen in ihren Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, Religion versucht ihr einen Sinn zu geben. Wissenschaft soll als ein Tatsachenbericht gelesen werden, Religion als eine Metapher.
    Das ist doch aber historisch gesehen schlichtweg nicht wahr. Religion war in seiner Konzeption nie als Metapher gedacht, Religion sollte gezielt Phenomäne in der Wirklichkeit erklären. Das war schließlich erst der Grund, warum die Leute sich zur Steinzeit soetwas wie die Existenz von göttlichen Wesen erdachten.
    Und das Christentum funktioniert im Grunde genau so. Die Bibel liest sich, und das meine ich vollkommen unabhängig davon, wie sie heute interpretiert wird, wie ein Tatsachenbericht. Das neue Testament beschreibt das Leben einer realen Person, die Dinge tut, die nach dem heutigen Wissenschaftsverständnis unmöglich sind. Die Schöpfungsgeschichten berichten jeweils ganz konkret, wie die Menschheit entstanden ist.
    Und als Tatsachenbericht wurde diese Religion auch die meiste Zeit behandelt. Beispielsweise war es immer Teil des christlichen Glaubens, dass unsere Welt der Mittelpunkt des Universums ist. Irgendwann kam Galileo Galilei mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass unsere Welt nicht einmal der Mittelpunkt unseres Sonnensystems ist. Und was passierte? Niemand akzeptierte das einfach so, weil die Welt im Mittelpunkt des Universums nicht einfach als Metapher gedacht war. Man sagte klipp und klar, dass die Wissenschaften religiösen Fakten widerspricht und verbot sie.
    Mit der Evolutionstheorie spielte sich im Grunde das Selbe ab. Man versuchte einen wissenschaftlichen Tatsachenbericht zu unterdrücken, weil er einem religiösen Tatsachenbericht im Weg stand.
    Als Metapher begreifen wir Religion doch erst, seitdem kein Weg mehr dran vorbei führt. Die Wissenschaft hat mittlerweile nachgewiesen, dass das meiste, was in der Bibel steht, Quatsch sein muss. Und erst jetzt, da wir mit relativ großer Wahrscheinlichkeit sagen können, dass die Bibel als Tatsachenbericht nichts taugt, wird sie plötzlich als Metapher verstanden.
    Und diese Metapher soll nun von Millionen von Menschen als Leitfaden benutzt werden? Diese Metapher soll als Entität funktionieren, die Gut und Böse definiert?
    Überlegt euch nur mal: Wenn wir in die Kirche gehen, huldigen wir immer noch einer Gottheit. Wozu braucht eine Metapher, die sich nicht wie ein Tatsachenbericht liest, eine Gottheit die wir anbeten? Wir beten sie ja auch nicht metaphorisch an, um indirekt etwas ganz anderes auszudrücken. Der ein oder andere sehr aufgeklärte Christ mag das vielleicht so verstehen, aber frag mal einen Priester, ob er auch der Meinung ist, dass Gott nichts anderes als eine Metapher ist, die zu mehr als einer Metapher nichts taugt. Und behalte auch im Hinterkopf, dass die Kirche nicht im Rahmen einer Metapher gebaut wurde, sondern weil der Glaube, dass ein Gott tatsächlich existiert, groß genug war, um den Ansporn zum Bau einer solchen Kirche zu geben.
    Was wir heute sagen können ist "hey, als Metapher taugt Religion nicht einigermaßen", wir können aber nicht sagen "Religion ist nur eine Metapher, kein Tatsachenbericht". Das wollte Religion nie sein, wir haben es nur zu ihr gemacht, weil der Tatsachenbericht als falsch entlarvt wurde.
    Und übrigens ist selbst die Metapher alles andere als optimal. Immerhin verlangt diese Metapher immer noch, dass wir vor etwas niederknien, für dessen Existenz keinerlei Hinweise existieren.