Wahre Worte.
Dass das Unix-Design inzwischen bereits als quasi-religiöses Argument ("Unix-Philosophie" was fürn dummes Gelaber) gegen jegliche Umstrukturierungsversuche unternommen wird, ist das beste Symptom dass hier Dinge verkrustet sind. Wie du sagtest, das Unix-Design mag die Probleme der damaligen Welt elegant gelöst haben - aber die Welt hat sich inzwischen weiterbewegt und hat andere Probleme. Du hast dich vor allem auf Datei/Programmamangement fokusiert, sieht man aber auch am Beispiel vom Mulituser-Konzept. Auf den damaligen Grossrechnern eine grossartige Lösung, dass alle Programme mit den Rechten der User lief. Dass heutzutage aber mein PDF-Reader Zugriff auf meine SSH-Keys hat nur weil er mit meinem Userrechten läuft ergibt keinen Sinn.
Die desaströse Situation mit den Paketmanagern lässt sich auch schön daran festmachen, dass praktisch alle Programmiersprachen für ihre Bibliotheken inzwischen ihre eigenen Manager für Bibliotheken mitbringen, weil die Distros bestenfalls für die Endbenutzer, aber nicht für die Entwickler packetieren (Punkt "Offenheit", my ass). cpan, pip, npm, maven, pear, cabal, cargo et all. Keine Distribution hat es bisher geschafft mit diesem dualen System auch nur ansatzweise klarzukommen.
Auch haben praktisch alle neueren nativen Compiler ausser die für C/C++ aufgehört dynamisch zu linken, sondern machen es gleich statisch. Go linkt standardmässig die ganze Runtime statisch mit rein. Rust ebenso. Damit hat man gar nicht erst das Theater mit inkompatiblen Versionen. Der dynamische Ansatz hat zu viele Nachteile.
Um doch mal kurz den Linux-Fanboy rauszuhängen:
Wobei ich den Linuxen wenigstens hoch anrechne, dass wenigstens nach wie vor versuchen eine kohärente Architektur zu haben. Sie scheitern grösstenteils daran, eben weil sie glaube ich zu fest am alten Unix-Design festhalten (siehe auch: systemd die das explizit zum Non-Goal erklärt haben und dafür heftigst kritisiert werden). Aber sie haben wenigstens noch so etwas wie eine Vision von Design, dafür gibts zumindest Sympathiepunkte.
Die Architektur Windows hingegen ist ja nur noch getrieben vom Constraint dass Legacy-Software laufen muss. Bedeutet in der Praxis DLL-, Registry- und Dateisystemvirtualisierung: System32 DLL-Fehler und C:\Programme\Foo\config.ini-Konflikte haben moderne Windowsen nur deswegne nicht mehr, weil der ganze Dreck von Schichten über Schichten wegvirtualisiert wurde.
Es funktioniert zugegebenermassen verdammt gut, definitiv besser als die ganzen Linux-Distros, da ist der in Windows gut umgesetzte pragmatische Ansatz dem verrotteten Idealismus der Linux-Distros überlegen. Aber Design hat Windows wirklich keines da, dass der Hersteller die Software paketiert bedeutet nicht nur dass der Firefox sauber läuft weil Mozilla das sagen hat, sondern es bedeutet auch Toolbars und andere Adware. Dass keiner weiss, was Windows 9 denn jetzt wird zeigt ja auch, dass es keine klare Designrichtung gibt.
Trotzdem, Windows läuft momentan besser, weil sie eben tatsächlich echte Probleme mit Ducttape wie Virtualisierung lösen, anstatt die Probleme gar nicht zu Lösen und stattdessen auf die Unix-Philosophie verweisen ("Worse is better"), was momentan gerade die Distros tun.
Trotzdem glaube ich ist die Lage nicht aussichtslos. Der "Fuck Unix"-Ansatz von systemd (die inzwischen im Idealfall komplett ohne die dummen Unix-Configfiles auskommen, also stateless sein können) hat einiges inspiriert.
Docker und CoreOS gehen gerade das Paketierungs/Management für Server an. Ob es der richtige Ansatz ist weiss noch keiner, aber es ist zumindest mal ein anderer als Tarballs auf / loszulassen.
Und Fedora Workstation, obwohl deren Vision fast so schwammig ist wie deine obige Utopie versprechen auch neue Ansätze für den Desktop ("Workstation"): Isolierte "Apps", weniger bewegbare Teile, Abkehr vom klassischen Unix-"Design".. aber wie gut und wie radikal das ist, weiss momentan noch niemand, vermutlich nicht mal die Devs selber. Und Erfolg ist auch nicht einfach, Gobo Linux ist ja auch in der Nische geblieben.
Nachtrag: Hier die schöne Vision von Fedora Workstation als länglicher Blogpost: http://blogs.gnome.org/uraeus/2014/04…ra-workstation/